LFM-NRW

von Matthias Felling (Redaktion www.lfm-nrw.de)

Das Handy als Waffe

Im November 2005 gibt es an der Grund- und Hauptschule Alfred-Teves-Schule im niedersächsischen Gifhorn eine folgenreiche Schlägerei. Schüler der Jahrgänge sechs und sieben verabreden sich in der großen Pause zu einer Prügelei. Marcus Lüpke – einer der Herausgeber des Sammelbands – führt an diesem Tag die Pausenaufsicht. Als er dazukommt, um das Treiben zu unterbinden, bemerkt er, dass einige der Schüler die kämpfenden Streithähne mit ihrem Handy filmen. Lüpke widmet sich den „Handyfilmern“ und setzt sich intensiv mit ihnen auseinander.

Realer Auslöser

Im Aufsatz „Gewaltprävention und Neue Medien – Vom Pausenkonflikt zur aktiven Medienerziehung“ beschreibt Lüpke, wie das Ereignis im November 2005 zum Auslöser für eine sehr erfolgreiche und bundesweit beachtete medienpädagogische Arbeit wird. An der Alfred-Teves-Schule – die es inzwischen nicht mehr gibt – werden die Bereiche Gewaltprävention und Medienerziehung miteinander verknüpft. Es entstehen eine Anti-Gewalt AG und eine Medien AG, die Aktion „Saubere Handys“ wird durchgeführt und auch Spiel- und Lernsoftware wird im Unterricht eingesetzt.

Vorbeugung

Der zweite Herausgeber des Sammelbands, Ulf Neumann, kommt als Sozialpädagoge aus dem Bereich der „klassischen Gewaltprävention“. Doch auch ihm begegnen in seiner Arbeit zunehmend Probleme, bei denen Gewalt über Medien verbreitet oder ausgeübt wird. Neumann schreibt dazu im Aufsatz „Prävention: Zauberstab oder Leerhülse?“: „Diese Phänomene existieren und mit ihnen muss im (schul)pädagogischen Alltag umgegangen werden. Wie das geschehen kann, ist abhängig von den Rahmenbedingungen (Kenntnisse, Motivation, Personal, Räume, Finanzmittel u. a.), die den Akteuren in den Bildungseinrichtungen gestellt werden.“

Hier setzt das Buch „Gewaltprävention 2.0: Digitale Herausforderungen“ an. Es werden zahlreiche praktische Wege zur medienpädagogischen Arbeit vorgestellt, die in Schule oder offener Jugendarbeit umgesetzt werden können.

Medienerziehung als Querschnittsaufgabe

„Das Multimedium Handy gehört in die Arbeit pädagogisch Tätiger“, fordert Arnfried Bröker von der Landesstelle Kinder- und Jugendschutz Sachsen-Anhalt e.V. im Aufsatz „Knack den Code“. Denn für den Spielpädagogen Bröker ist das Handy ein „Türöffner“, mit dem nahezu jedes Thema auf spannende Weise bearbeitet werden kann.

Die Vermittlung von Medienkompetenz ist eine Querschnittsaufgabe, die in allen Bereichen der pädagogischen Arbeit aufgegriffen werden kann. Diese Position spiegelt sich in vielen Aufsätzen des Sammelbands wider. Der Lehrer Ulrich Dannenhauer erklärt in seinem Aufsatz „Vorsicht Bildschirm?“, wie die kritische Auseinandersetzung mit Neuen Medien seinen Englischunterricht bereichert. Die Medienpädagogen Daniel Heinz und Torben Kohring beschreiben eindrucksvoll, wie sie neunzig Jugendliche eine Woche lang dazu bringen, den eigenen Umgang mit Computerspielen differenziert zu reflektieren. In dem präventiven Projekt „Quest in Mittel-Mülheim“ werden dabei Online-Rollenspiele in die Realität übertragen.

Faszination verstehen

Der vorliegende Sammelband ist vor allem für pädagogische Fachkräfte, die mit Jugendlichen arbeiten, spannend. Denn neben praxisorientierten Projektideen finden sich auch Erklärungen dafür, warum Heranwachsende Medien so faszinierend finden. So stellt Thomas Rathgeb vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest (mpfs) zentrale Ergebnisse der JIM-Studie vor und Dr. Meike Isenberg von der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) beschreibt medienpädagogische Projekte und Forschungsaktivitäten der Landesmedienanstalten. Zu dem von Isenberg vorgestellten Projekt „Computerspiele im Unterricht“ ist aktuell auch eine neue Handreichung der LfM veröffentlicht worden.

Eine interessante Perspektive bietet auch der Aufsatz „Wider den medialen Analpabetismus“ von Martin Lorber. Der PR-Direktor vom Spielehersteller Electronic Arts erinnert daran, dass Computerspiele zu einem wichtigen Bestandteil unserer Kultur geworden sind und sieht bei der Erreichung medienpädagogischer Ziele auch die Industrie in der Verantwortung.

Alter Wein in neuen Schläuchen?

Der Sammelband von Marcus Lüpke und Ulf Neumann liefert einen vielschichtigen Beitrag zu einer aktuellen Debatte rund um das Thema „Medien und Gewalt“ und bietet differenzierte Erklärungsansätze und Lösungsmöglichkeiten für die pädagogische Praxis an. Dabei geht es im Kern um ein altes Thema. Denn auch wenn sich die Medienwelten von Jugendlichen rasant verändern – der Umgang mit Gewalt ist schon seit vielen Generationen eine zentrale Herausforderung für Pädagogen.

Und so schreibt auch Martin Pinkerneil vom Projekt handysektor.de im Aufsatz „Leinen los nach Digitalien“ am Ende des Buches, dass es eigentlich um die Frage nach Respekt und Würde gehe: „Man sollte mal über diese grundlegende Frage reden. Wenn Handy, Games, Social Media dabei helfen, ist das gut. Es geht aber auch ohne. Einen Schritt zurück bitte.“

 

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